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Ganz gerührt oder: die schlimme Tränen-Mutti

Tränen-Mutti

In diesen Tagen begleiten wieder überall in Deutschland Eltern und andere Verwandte kleine Menschen auf ihrem ersten Weg in die Schule. Wir sind auch dabei.

Diesmal ist es allerdings schon eine weiterführende Schule. Wir haben also bereits einige Erfahrung mit Neu-Anfängen, Meilensteinen und natürlich auch Abschieden.

Nach über 10 Jahren als Mutter kann ich es auch nicht mehr als Ausnahme schönreden oder darauf hoffen, dass es irgendwann besser wird. Stattdessen blicke ich der Tatsache ins verschleierte Auge: ich bin eine schlimme Tränen-Mutti.

Chaos im Rührungszentrum

Natürlich habe ich früher auch mal geweint. Damals, als ich noch keine Kinder hatte. Wenn ich Liebeskummer hatte zum Beispiel. Doch das war anders. Seit ich Mutter bin, hat sich irgendetwas im Rührungszentrum verschoben. Und zwar so heftig, dass es mich durchaus schon vor Tränen schüttelt, wenn ein paar Zwerge ein harmloses Kinder-Lied vortragen oder eben eine Einschulung ansteht.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Tag als ich es zum ersten Mal merkte. Der erste Laternen-Umzug mit unserer Tochter stand an. Nun muss man wissen, dass ich Laternen-Umzüge ziemlich leidenschaftlich ablehne. Wie auch die meisten anderen Gruppenzwang-Veranstaltungen. Meine Mutter allerdings hat ein großes Faible dafür und so zogen wir damals los. Ich denke, meine Tochter war 1,5 Jahre alt und saß in ihrer Karre. Ich wollte ihr auch nicht meine negative Haltung aufnötigen. Wäre ja möglich, dass SIE Laternelaufen, bzw. -geschobenwerden super findet.

Natürlich versuchte ich, möglichst unbeteiligt zu wirken. Schließlich mag ich keine Laternen-Umzüge, aber das erwähnte ich wohl schon. Nun, was soll ich sagen? Wir hatten die wartende Menge noch nicht mal erreicht, da merkte ich, dass mein Gesicht ganz nass war. Unkontrollierter Tränenabgang, Augen-Inkontinenz sozusagen. Allein von der Musik der Blaskapelle, die sich schon mal warmblies.

Die Sache mit Rolf Zukowski

Mal ehrlich: Wie willst du halbwegs cool rüberkommen und auch noch zum Ausdruck bringen, dass du unfreiwillig vor Ort bist, wenn du nicht aufhören kannst zu weinen? Es ist ausgeschlossen!

Liebesbrief von Luzie

Foto: Nicole Stroschein

Das geschilderte Szenario ist jetzt locker neun Jahre her. Zum Glück sind wir aus dem Alter von Laternen-Umzügen wieder raus. Mein Sohn fand selbige sogar auch doof. Das hält mich aber nicht davon ab, zu weinen.




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Wann immer auch nur die leiseste Chance zu Rührung besteht: Kindergarten-Abschiede, Sommerfeste mit rührenden Gesanges-Darbietungen („Ciao, es war schön, euch hier zu sehen, doch einmal kommt die Zeit zum Auseinandergehn …“ schnüff), erste Schultage (bisher waren es zwei), letzte Schultage, Geburtstage, Abende vor den Geburtstagen, an denen ich Geschenke einpacke und zurückdenke, Theater-Aufführungen, Katzenbabies, Liebesbriefe meiner beiden Nachkommen, in denen sie auf hinreißende Art schildern, welch großartige Mutter ich in ihren Augen bin, Musik aller Art, sogar solche von Rolf Zukowski.

Oh Gott, jetzt ist es raus. Das war’s endgültig mit dem schwachen Versuch, mir ein irgendwie lässiges Image zuzulegen.

Finger weg von Wimperntusche!

Diese Liste könnte ich ewig weiterführen. Es nützt ja nichts. Immerhin habe ich mich inzwischen auch halbwegs mit diesen Rührungs-Attacken arrangiert. Wimperntusche wird ohnehin überbewertet. Und Taschentücher sollte frau eh immer in zur Hand haben. Zumal ich ja nicht allein bin. Es gibt viele Mütter und auch ein paar Väter, die – mehr oder weniger – heimlich weinen, wenn Meilensteine anstehen.

Verstehen werde ich das allerdings nie so ganz. Ich schwöre: Ich mag es, dass die Kinder größer werden und all diese Schritte auf ihrem Weg gehen. Ich freue mich über ihre Selbständigkeit, die neuen Schulen und alles, was sie dazu lernen. Warum muss das immer von Tränen meinerseits begleitet werden? Ist da draußen irgendwo ein Psychologe oder Mediziner, der mir das mal stichhaltig erklären kann?

Liebesbrief von Lenny

Foto: Nicole Stroschein

Hängt es vielleicht damit zusammen, dass mir seit den Geburten dieser jungen Menschen auch auf jeder popeligen Schaukel schlecht wird, während ich früher 43 mal Todes-Mörder-Achterbahn gefahren bin, ohne mit der Wimper zu zucken? Sind Rührung und Gleichgewichtssinn verknüpft? Fragen über Fragen. Immer her mit den Antworten! Und: Ich schwöre, wir haben keine Rolf Zukowksi-CD’s mehr am Start. Wirklich nicht.

Heiraten muss ich aber vermutlich beiden Kindern streng verbieten. Die potentiellen Schwiegerkinder suchen doch direkt wieder das Weite, wenn ich mit roten Kaninchenaugen, inmitten eines zerknüllten Berges Papiertücher am Kopfende der Tafel throne …

Fotos: Nicole Stroschein

3 Kommentare

  1. Pingback: Katze? Nichts für schwache Nerven

  2. Hallo Nicole,
    kann ich bestätigen, wenn man Mutter wird/geworden ist, ist man näher am Wasser gebaut. Es gibt einfach viele emotionale Momente während der Schwangerschaft und nach der Geburt bis die Kinder erwachsen sind.
    Viele Grüße
    Claudia

  3. Pingback: Ganz gerührt oder: die schlimme Träne...

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