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Bilinguale Erziehung: wenn Kinder zweisprachig aufwachsen

Bilinguale Erziehung
Gastbeitrag von Michaela Davison

Sprachliches Kuddelmuddel? Ganz und gar nicht!

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Wenn Kinder mit zwei Sprachen aufwachsen, ist das ein Vorteil oder Nachteil? Und was tun, wenn man für seine Kinder die Zweisprachigkeit wünscht, selbst aber nur eine Sprache spricht?

„Kann ich dessert haben, pleeeeeease“? Mit großen Augen schaut unsere sechsjährige Tochter mich und meinen Mann an. „Ja, please!“, ruft ihre große Schwester. Na, wer kann da schon nein sagen, denke ich schmunzelnd und winke die Bedienung herbei. Freundlich nickend lächelt uns das ältere Ehepaar vom Nebentisch an. Sie müssen uns schon eine Weile zugehört haben: „Ihre Kinder haben es aber gut. Mit zwei Sprachen aufwachsen zu können, ist ein Geschenk!“

Ein Elternteil – eine Sprache

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Meine beiden Töchter und ihr kleiner Bruder wachsen bilingual auf. Ich spreche deutsch mit ihnen, mein Mann ist Brite und spricht ausschließlich Englisch. Nach dem Prinzip Ein Elternteil – eine Sprache.

Meist sind die Reaktionen aus dem Umfeld so positiv wie die des älteren Ehepaares im Restaurant. Doch oftmals besteht auch verdeckte Unsicherheit und Sorge: Bringt das Kind die Sprachen nicht durcheinander? Was, wenn ihre schulischen Leistungen später darunter leiden? Und kann es dann die jeweiligen Sprachen richtig sprechen?

Weltweit ist etwa die Hälfte der Menschheit zwei- oder mehrsprachig, entsprechend viele Kinder wachsen in zweisprachigen Elternhäusern auf. Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, und trotzdem herrscht in unserer Kultur viel Verunsicherung um das Thema Kinder und Zweisprachigkeit.

Lange glaubte man tatsächlich, dass Kinder, die mit mehr als einer Sprache aufwachsen, keine der beiden Sprachen richtig beherrschten. Es hieß, es würde die Kinder verwirren, überfordern und negative Auswirkungen auf schulische Leistung haben. Heute sind solche Thesen zum Glück längst wissenschaftlich widerlegt. Man weiß heute viel über die positiven Aspekte von Zweisprachigkeit bei Kindern.

Code-Switching: Ein Zeichen von Kompetenz

Wissenschaftler sind sich heute beispielsweise darüber einig, dass das Hin-und Herwechseln zwischen den Sprachen ein ganz natürlicher Prozess ist. In der Sprachwissenschaft bezeichnet man dieses Phänomen als Code-Switching. Genau wie zweisprachige Erwachsene wechseln auch Kinder, die in einem zweisprachigen Elternhaus aufwachsen, mal innerhalb eines Gesprächs, mal mitten im Satz, mal sogar mitten Wort in die andere Sprache. Das Spannende dabei ist, dass die Strukturen beider Sprachen unverletzt bleiben. Das heißt, es passieren dabei keine „Fehler“, die gegen die grammatischen Regeln der beiden Sprachen verstoßen (Mac Swan 1999).

Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass die Kinder die Grammatik beider Sprachen durchaus gut kennen. Meist „switchen“ Kinder ausschließlich in familiärer Umgebung, in der sie wissen, dass beide Sprachen verstanden werden. Außerhalb der Familie lernen sie früh, dem jeweiligen Gesprächspartner die passende Sprache zuzuordnen.

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Zweisprachige Kinder sind Kommunikationsprofis

Neueste Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass zweisprachig aufwachsende Kinder sehr aufmerksame Kommunikationspartner sind. Dr. Anja Gampe, Entwicklungspsychologin an der Uni Zürich, stellte dies in ihrer Studie mit drei-bis vierjährigen Kindern fest.

Im Fachblatt Child Development schreibt sie: „Zweisprachige Kinder passen sich sensibler an ihren jeweiligen Kommunikationspartner an“. Laut der Forscherin liege das daran, sie diese Kinder sich im Alltag häufiger anspruchsvollen Gesprächssituationen stellen müssten. Da sie mit den unterschiedlichen Kommunikationsstilen ihrer Elternteile konfrontiert sind, hätten sie gelernt, sich besser an ihre jeweiligen Gesprächspartner anzupassen und flexibler auf sie einzugehen.

Laut der Psychologin haben zweisprachige Kinder daher eine sehr ausgeprägte Wahrnehmung für nonverbale Kommunikation wie Gestik und Mimik.

Was Eltern sonst noch wissen sollten

Viele Eltern fragen sich, ob ihr Kind Schulunterricht in der Sprache nehmen sollte, die es schon kann und fürchten, es könne sich im Unterricht langweilen. Auch hier ist Gelassenheit der beste Rat. An den meisten Schulen ist der Unterricht heute so aufgebaut, dass die vorhandenen Sprachkenntnisse der Kinder berücksichtigt werden. Zudem kennt das Kind zwar die Sprache, kann aber andererseits noch viel über die Sprache, ihre grammatische Struktur und den kulturellen Kontext lernen.

Viele Sprachen zu beherrschen, ist in unserer globalisierten Gesellschaft sehr gefragt. Doch was sollen Eltern tun, wenn sie selbst nur eine Sprache sprechen, das Kind aber gerne zweisprachig aufwachsen lassen möchten? Auf keinen Fall sollte man selbst die gewählte Sprache mit dem Kind sprechen. Es kann von einer zusätzlichen Sprache nur dann wirklich profitieren, wenn es sie von einer muttersprachlichen Person hört. Eine Möglichkeit wäre also eine muttersprachliche Nanny, Kita oder Spielgruppe.

Und nicht vergessen: das Kind sollte Freude am Lernen der Sprache haben!

Die Autorin

Michaela DavisonMichaela Davison ist Lektorin, Mutter dreier Kinder und wohnt in der Nähe von Zürich. Zwar liest sie gern die Texte anderer, schreibt selbst aber auch leidenschaftlich gerne. Vor allem übers Elternsein.

Mehr Infos unter: http://leselupe.ch/

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