Kids & Teenager
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Zocken, Scrollen, Zimmertür zu: Woran Eltern erkennen, was ihr Teenager gerade wirklich braucht

Teenager / Jugendliche Person im Gegenlicht einer Stehlampe, Blick aufs Smartphone – Symbol für den digitalen Rückzug in der Pubertät.
Gastbeitrag von Kathy Weber

Als mein Sohn mitten in der Pubertät steckte, durchlebten wir diese Szene zigmal: Er kam aus der Schule, ging wortlos in sein Zimmer, setzte die Kopfhörer auf und versank in seinem Handy oder seiner Konsole. Kein Hallo, keine Antwort auf meine Frage, wie sein Tag war.

Diesen Moment kennen vermutlich die meisten Eltern von Teenagern. Und die erste Reaktion ist oft dieselbe: Sorge. „Geht es meinem Kind gut?“ Dann Ärger. „Was fällt ihm oder ihr ein, mich zu ignorieren!“ Und zum Schluss ein Verbot, das nichts bringt außer Streit. „So verhältst du dich nicht in diesem Haus!“

Ich möchte dir heute eine andere Sichtweise anbieten. Denn wenn dein Teenie sich zurückzieht, zockt oder stundenlang am Handy scrollt, ist das kein Angriff auf dich. Es ist sein Versuch herauszufinden, wer er eigentlich ist.

Das Bedürfnis nach Autonomie

Nach meinem LilaLiebe®-Erziehungskonzept geht es in der dritten Autonomiephase, der Pubertät (ab ca. 9 Jahre), vor allem darum, eigene Erfahrungen zu sammeln. Nachdem dein Kind in den ersten beiden Autonomiephasen erst selbst machen und dann selbst entscheiden wollte, möchte es sich als Teenie ausprobieren und selbst erfahren. Dahinter steckt das Bedürfnis nach Autonomie, das in allen drei Autonomiephasen inklusive der Pubertät zentral ist.

Die ungeschönte Wahrheit für dich: Dein Kind muss dir nicht alles erzählen und es muss nicht zu jederzeit für dich verfügbar sein. Es muss auch nicht „Hallo“ sagen, wenn es nach Hause kommt.

Bedeutet das nun, dass Eltern ihre Teenager nach dem laissez-faire-Prinzip einfach in Ruhe lassen sollen? Nein. Denn dann lernt dein Kind, dass es nur dann wichtig ist, wenn es sich so verhält, wie du es von ihm erwartest. Dass du dich nur dann dafür interessierst, was bei ihm los ist, wenn es „höflich“ ist. Dass es nur Teil der Gemeinschaft ist, wenn es funktioniert.

Stattdessen braucht dein Kind deine Unterstützung dabei, zu verstehen, welche Bedürfnisse es sich erfüllt, wenn es sich zurückzieht und wie es sich diese Bedürfnisse so erfüllen kann, dass es für alle okay ist. Gleichzeitig ist es keinesfalls die Aufgabe deines Kindes, dir dein Bedürfnis nach Gemeinschaft oder Austausch zu erfüllen. Anstatt Erwartungen an das Verhalten deines Kindes zu haben oder es einfach sich selbst zu überlassen, sei bedingungslos da.

Rückzug ist eine Botschaft

Schauen wir uns einmal an, was genau sich hinter dem Verhalten verbirgt. Wenn dein Kind sich verbarrikadiert, nicht mehr grüßt oder auf Fragen nicht reagiert, tut es das weder aus Desinteresse noch aus Trotz, sondern weil ein Bedürfnis gerade lauter ruft als alles andere. Zugehörigkeit will erfüllt sein – nur eben gerade auf eine Art, die für dich schwer nachvollziehbar ist.

Die wichtigste Regel dabei: beobachten statt bewerten. Statt zu sagen „Du hängst nur noch in deinem Zimmer rum!“, sag beispielsweise: „Seit einer Woche kommst du aus der Schule und gehst direkt in dein Zimmer, statt dich erst mal zu mir zu setzen. Da hat sich was verändert, oder?!“ Der Unterschied ist riesig. Das eine ist eine Bewertung, das andere eine Einladung.

Sollte dein Kind tatsächlich mal ohne Antwort an dir vorbeilaufen, nimm es nicht persönlich. Frag dich lieber, was gerade in ihm vorgeht. Ich habe dann beispielsweise oft zu meinem Sohn gesagt: „Dein Kopf ist gerade richtig voll. War ein harter Tag?“. Das öffnet mehr als jedes vorwurfsvolle „Sag mal Hallo!“.

Handy und Zocken: Eine Frage des Bedürfnisses, nicht der Uhrzeit

Interessant ist auch die Frage, was hinter hohen Bildschirmzeiten wirklich steckt. Denn beim Handy geht es selten wirklich ums Handy. Es geht um die Bedürfnisse, die dadurch erfüllt werden: Das kann Zugehörigkeit sein, weil alle Freunde in derselben Gruppe chatten. Es kann Individualität sein, weil dein Kind über Stil, Musik oder Meinungen herausfindet, wer es ist. Oder es kann einfach Spaß sein, der dabei hilft, Dinge auszublenden, die gerade zu viel sind.

Statt Verbote auszusprechen, die ohnehin selten halten, empfehle ich dir ein gemeinsames Experiment. Bei meinem Sohn sah das so aus: Er wollte mehr Handyzeit, weil seine Freunde angeblich viel länger dran waren. Statt sofort Nein zu sagen, handelten wir eine Zeit aus, mit der wir beide leben konnten, und probierten sie zwei Wochen lang aus. Jeden Tag notierte er, wie es ihm damit ging, ebenso schrieb ich meine Beobachtungen auf. Danach setzten wir uns zusammen und schauten, was das mit ihm gemacht hat.

Das Ergebnis war wertvoller als jedes Verbot: Mein Sohn fing an, selbst zu reflektieren. Mal löschte er TikTok, mal Instagram, mal machte er das Handy während der Hausaufgaben aus und später wieder an. Er probierte sich aus – weil er gelernt hat, sich zu fragen: Wie geht es mir gerade, und was brauche ich eigentlich?

Deine Rolle: Führung auf Augenhöhe, nicht Kontrolle

Zu erwarten, dass ein Teenager von sich aus einen bewussten Umgang mit Handy oder Konsole findet, ist unrealistisch. Die meisten Apps und Spiele sind genau darauf ausgelegt, sie möglichst unendlich lang zu nutzen – wenn wir als Eltern ehrlich sind, wird uns auffallen, dass es uns genauso geht. Deshalb braucht dein Kind dich als Begleitung und Unterstützung, statt als Kontrollinstanz.

Das heißt konkret: Lass dir zeigen, was dein Kind konsumiert, statt es heimlich zu tracken. Sprich offen darüber, warum du selbst dein Handy manchmal weglegst – und mach es auch wirklich.

Tritt der Extremfall ein und dein Kind kann wirklich nicht mehr aufhören, zockt es etwa nachts durch und die Schule, die Freundschaften und/oder seine Gesundheit leidet darunter, dann darfst du liebevoll und auf Augenhöhe Führung übernehmen. Das wird deinem Teenager in dem Moment nicht gefallen. Trotzdem darfst du sagen: „Ich sehe, dass du die Konsequenzen deines Zockens gerade nicht abschätzen kannst und Unterstützung dabei brauchst, deine Geräte zur Seite zu legen. Ich helfe dir, mit dir gemeinsam herauszufinden, wie du so spielen kannst, dass es dir guttut.“

In Verbindung bleiben, statt verbieten

Rückzug und Handykonsum sind selten das Problem an sich. Sie sind ein Hinweis darauf, dass bei deinem Teenager gerade seine Bedürfnisse nach beispielsweise Zugehörigkeit, Individualität oder Wahrgenommenwerden erfüllt werden wollen. Wenn du das erkennst und dranbleibst, ohne zu drängen, wird (wieder) die Verbindung entstehen, von der du denkst, sie sei verloren.

Dein Kind braucht keine Perfektion. Es braucht dich als Elternteil, das präsent ist, dass Interesse an ihm hat und das immer da ist, unabhängig davon, ob die Zimmertür offen oder geschlossen ist.

Die Autorin

Kathy WeberKathy Weber ist Elternberaterin, ausgebildete Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, Host des meistgehörten Elternpodcasts in Deutschland „Familie Verstehen“ und dreifache SPIEGEL-Bestseller-Autorin. Mit ihrem Erziehungs- und Beratungskonzept LilaLiebe® hilft sie Eltern, ihre Kinder zu verstehen und Schluss zu machen mit Machtkämpfen und Liebesentzug im Familienalltag.

Ihr neues Buch „Ich mach, was ich will!“ ist ein Ratgeber für Eltern, die ihre Teenager besser verstehen wollen, inklusive ABC zu häufigen Konflikten in der Pubertät.

Mehr unter:

https://kw-herzenssache.de/

https://www.instagram.com/_kathy.weber_/

Buchtipp

Titel: Ich mach, was ich will! Das Handbuch für Eltern, die ihre Teenager verstehen wollen*

Inhalt: Knallende Türen, Diskussionen um Handyzeit oder die totale Rebellion: Die Pubertät kann deine Elternschaft ganz schön ins Wanken bringen. In diesem Ratgeber zeigt Kathy Weber alltagsnah und fundiert, wie du dein Teenagerkind durch die finale Autonomiephase begleitest.

Die SPIEGEL-Bestseller-Autorin, ausgebildete Trainerin in der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, Familien- und Elternberaterin und zweifache Teenager-Mama zeigt dir anhand ihres bewährten Erziehungskonzepts, der LilaLiebe®, dass dein Teenagerkind zum Wohle der Gemeinschaft beitragen möchte und was es dafür braucht.

Du lernst, wie du aus Machtkämpfen zu Absprachen, Bildschirmzeit oder Zocken rein in Gespräche auf Augenhöhe kommst, sodass ihr gemeinsam Lösungen findet und euren Alltag voller Leichtigkeit und in echter Verbindung leben könnt. Und das praxisnah und unterhaltsam mit Rollenspielen zwischen Kathy und ihrem Teeniesohn.

Dieses Nachschlagewerk verändert den Blick auf deinen Teenie und die Pubertät und macht aus der gefürchteten Pubertät das große Finale deiner Elternschaft!

„Die Pubertät ist nicht das Ende der Verbindung. Sie ist eine Einladung, sie neu zu entdecken. Kathy Webers Buch zeigt Eltern, wie sie ihre Kinder in dieser Zeit wirklich begleiten können: auf dem Weg zu einem Leben, das sie selbst mit Freude führen.“

Herausgeber: Malia Verlag
ISBN-13: 978-3949822698

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