mal ehrlich …!
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Mund aufmachen oder Schnauze halten? Hilfsbereitschaft oder Übergriffigkeit?

Übergriffigkeit

Wir kennen sie alle – wohlmeinende Menschen, die immer einen guten Rat haben. Vor allem, wenn es um das Stichwort Kindererziehung geht. „Vielleicht hat die Kleine Bauchweh, nehmen Sie das Kind doch mal auf den Arm, ist die Jacke auch warm genug?“

Und – da sind wir uns wohl auch alle einig – es gibt nichts ätzenderes als dieses Klugscheißertum. Deshalb haben wir es ja auch schon ausführlich beleuchtet, hier und hier.

Doch wie sieht eigentlich die andere Seite der Klugscheißer-Medaille aus? Was, wenn wir die Angelegenheit mal aus einem anderen Blickwinkel beleuchten? Wenn die Übergriffigkeit plötzlich Hilfsbereitschaft ist, oder zumindest sein könnte … Und wann ist nicht mehr vornehme Zurückhaltung gefragt, weil vielleicht sogar ein Kind zu Schaden kommen könnte?

Tränenreiches Drama in der U-Bahn

Vor kurzem wurde ich in der U-Bahn Zeuge folgender Situation: Eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, stieg zu, in Begleitung einer Freundin und ihres kleinen Sohnes, etwa 2 Jahre alt. Ein sehr niedlicher Knirps. Die beiden Frauen kamen offensichtlich vom Shopping. Beide waren recht aufwändig geschminkt und zurechtgemacht. Aber das nur am Rande.

Noch bevor die Bahn losfuhr, begann der Kleine zu weinen. Er wollte offensichtlich nicht das, was seine Mutter wollte. Worum es genau ging, bekam ich nicht mit. Doch eine Minute später saß er neben mir, lauthals weinend. Seine Mutter links von ihm, dann die Freundin der Mutter.

Wir kennen alle diese Situation, wenn ein Kind herzzerreißend weint. Das lässt NIEMANDEN kalt. Hat die Natur so eingerichtet, damit hilflose Zwerge eben Hilfe bekommen. Aber auch das nur am Rande.

Von verzweifeltem Weinen und kompromissloser Entschlossenheit

Der Kleine, ich meine, er hieß Luis, weinte ein kleines bisschen wütend, aber vor allem auch sehr verzweifelt und ziemlich hilflos. Ihr kennt die verschiedenen Tonlagen des Weinens, von traurig bis bockig?

Seine Mutter war vor allem eins: Entschlossen! Sie wollte, dass er ruhig ist. Und! Zwar! Sofort! Dass Luis immer wieder schluchzte „Arm, Mama!“, entlockte ihr Sätze wie: „Nein! Du bleibst jetzt da sitzen, Freundchen! So, wie ich es dir sage!“

Entsetzte Blicke der anderen Fahrgäste, betretenes Schweigen. Auch ich fühlte mich von Sekunde zu Sekunde unbehaglicher. In meinem Kopf fuhren die Gedanken Achterbahn, während die junge Mutter einen ganzen Schwall von Sätzen über den kleinen Luis ergoss, um ihn zum Schweigen zu bringen: „Luis ist doch kein Baby, oder? Der Luis weint ja wie ein Baby. Soll ich den Papa anrufen? Der ist dann sauer mit dem Luis. Du musst auch mal auf mich hören, nicht immer nur auf den Papa. Schluss jetzt, du bleibst da so sitzen, wie ich es gesagt habe.“ *unddannwiedervonvorn*

Mir wurde ganz anders, nicht nur einmal hatte ich den Mund schon geöffnet, um etwas zu sagen, und schloss ihn dann doch wieder …

Zweifelhafte Ruhe …

Luis hörte schließlich tatsächlich auf zu weinen. Allerdings nicht, weil er endlich in den Arm genommen worden wäre und ein bisschen Liebe ihm in seiner ziemlich offensichtlichen Müdigkeit geholfen hätte. Nein, die Mutter hatte eine (aus ihrer Sicht geniale, aus meiner eher zweifelhafte) Idee: „Luis! Achtung! Dein Finger!“ (er trug ein Pflaster an seinem klitzekleinen Finger), „schön hochhalten, sonst ist gleich alles voller Blut!“ Entsetzter Blick von Luis, sofortige Stille. Er reckte den Finger so hoch er konnte, um nur kein blutiges Desaster zu erleben. Beifallheischender Blick der jungen Mutter zu ihrer Freundin. Ob ihres „Erfolges“ setzte sie nach und nutzte die Gelegenheit für ein paar weitere Anweisungen in Richtung Luis: „Der Luis MUSS lieb sein blablablabla“.  Wir fuhren insgesamt bestimmt 25 Minuten zusammen, bis die drei ausstiegen und mich mit meinen Gedanken zurückließen …

Hätte ich etwas sagen sollen?

Wäre das klug gewesen? Ich habe es immer gehasst, wenn sich andere Menschen in meine kleine Familienwelt einmischen wollten, es als übergriffig empfunden. Und ich bin mir sicher, die junge Mutter wollte und will nur das Beste für ihren Luis. Genau wie ich für meine Kinder. Trotzdem fand ich sie hartherzig, fast schon grausam, in der Art, wie sie dem Kleinen immer wieder drohte.

Warum bemühte sie auch noch den Vater, der ja gar nicht anwesend war? So, als würde der noch viel härter durchgreifen als sie? Warum ängstigte sie den Kleinen auch noch mit der Verletzung, egal, wie klein diese sein mochte?

Hätte ich etwas sagen sollen? Und, wenn ja, was? Maßregeln und Klugscheißen führt in solchen Situationen doch garantiert zu Gegenwehr und damit wäre niemandem geholfen.

Maßregeln und Klugscheißen führt zu Gegenwehr Klick um zu Tweeten

Der Vorfall liegt jetzt fast eine Woche zurück. Ich kann ihn trotzdem nicht vergessen. Und ich bin immer noch ratlos. Hätte ich mich anders verhalten sollen? Wir waren alle schon blöd oder ungerecht zu unseren Kindern, das passiert allen Eltern und ist menschlich. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der kleine Luis regelmäßig solchen oder ähnlichen Situationen ausgeliefert ist. Und dieser Gedanke lässt mich nicht los …

Wieviel Einmischen ist richtig?

Klar ist, dass es noch viel mehr Familien gibt, in denen es ähnlich wie beim kleinen Luis abläuft oder noch viel schlimmer. Letztlich ist verbale Gewalt nicht besser als körperliche.

Verbale Gewalt ist genauso schlimm wie körperliche! Klick um zu Tweeten

Und es gibt natürlich viele Menschen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie Zeuge solcher Situationen sind, wann der Zeitpunkt gekommen ist, sich einzumischen.

FragezeichenWas meint ihr? Hätte ich etwas sagen sollen? Und wenn ja, was? Habt ihr schon ähnliche Situationen erlebt? Wie waren eure Reaktionen?

Ich würde mich sehr freuen, ein paar Antworten auf meine Fragen zu erhalten und in Zukunft vielleicht besser zu wissen, was zu tun ist.

Foto: Chepko Danil Vitalevich / shutterstock.com

7 Kommentare

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  2. Avatar
    Mona sagt

    Vielleicht in solchen Situationen nicht die Mutter ansprechen (die das vielmals Angriff empfindet), sondern das Kind. Natürlich ohne sich aufzubringen. Also freundlich angucken, angrinsen, fragen ob er nicht gerne Bahn fährt oder so… Quasi ihn ablenken und aus der Situation heraus holen.

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    Ich weiß genau, was du meinst. Ziemlich bescheidene Situation. Einige Minuten kann ich so etwas aushalten, dann kommt unweigerlich der Klugscheißer bei mir durch.

    Ich wette 1:100, ich hätte mich eingemischt. Ist das gut? Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Aber ich kann nicht anders.

    Mir gehen dann zwei Dinge durch den Kopf. Das Erste: der Junge braucht einen Menschen, der ihm zur Seite steht. Das zweite: Menschen können ruhig merken, dass nicht jeder mit ihrem Verhalten einverstanden ist.

    Manchmal hilft das ja auch, eine neue Perspektive zu bekommen.

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    Denise Nadine sagt

    Ich habe mir diese Frage nach dem Eingreifen oder nicht auch schon das ein oder andere Mal gestellt. In einer Situation wie deiner ist es glaube ich total schwer Worte zu finden, die der Mutter gegenüber nicht belehrend gewesen wären. Zumindest fällt mir auch nichts ein, was man hätte sagen können, ohne, dass sie sich angegriffen gefühlt hätte. Ich hätte sie im Zweifel vielleicht auch offen „angegriffen“ und gefragt, ob es denn sein müsse, dass sie ein kleines, hilfloses Kind so anmacht… Einfach in der Hoffnung, dass sie sich ertappt fühlt, wenn jemand fremdes sie darauf anspricht und darüber nachdenkt? Aber wahrscheinlich hätte das so auch nicht funktioniert. Echt schwierige und traurige Situation.

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