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Kinder, Kinder: Wenn Fremde alles besser wissen

Besserwisser

Egal ob Freundinnen, Bekannte, Mütter, Tanten oder auch Fremde im Bus: Sie lauern überall, die heimlichen Super-Mütter, die dir vom ersten Moment der Schwangerschaft an schlaue Tipps geben und sich in alles einmischen. Auch unsere Autorin Wiebke Lorenz kennt das Phänomen – und es geht ihr gehörig auf den Keks!

Luzie? Das ist ja wohl nicht dein Ernst! Luzie Lorenz, das klingt ja wie eine Tingel-Tangel-Tänzerin, das kannst du doch nicht machen!“ So die erste Reaktion meiner Mutter, als ich ihr schon während meiner Schwangerschaft den Namen verriet, den wir für unsere Tochter ausgesucht hatten. Wider besseren Wissens hatte ich ihn ihr gesagt und auch erst nach stundenlangem Betteln und der Versicherung, sie würde garantiert keinen Kommentar abgeben, wenn ich ihr bitte, bitte, BITTE erzählen würde, wie das Kind denn nun heißen soll.

Dass Oma sich einmischt, ist normal

Und jetzt also das. Tingel-Tangel-Tänzerin. Na, prima! Mal abgesehen davon, dass ich diesen Begriff für extrem antiquiert halte, war ich in diesem Moment natürlich unheimlich genervt, dass meine Mutter sich entgegen ihres Versprechens in etwas einmischte, das sie absolut nichts anging. Also quittierte ich ihre Bemerkung schlicht mit einem: „Ich habe eine Idee: Das nächste Kind, das DU bekommst, kannst du dann ja nennen, wie DU möchtest.“

Nun will ich meine Mama nicht blöd dastehen lassen, und es ist ja vermutlich normal, dass Großmütter (und -väter) sich berufen fühlen, zu allem Möglichen und Unmöglichen ihren Senf dazu zu geben, wenn es um ihre Enkelkinder geht. Geschenkt, Schwamm drüber, was soll’s?

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Schlimmer, als Omas und Opas, die sich einmischen, sind Leute, die nun wirklich nichts mit dem Kind zu tun haben – die aber trotzdem der Ansicht sind, sie dürften ständig und überall ungefragt ihre Meinung äußern, wenn es um den Nachwuchs anderer geht.

Kaiserschnitt? Gekaufte Gläschen? Dentinox? Geht gar nicht!

Nachwuchs, ach, was sage ich? Das fing schon in der Schwangerschaft an! „Sie sollten wirklich nicht mehr so schwer tragen!“ – die besorgte Nachbarin, an der ich mit einer Packung Toilettenpapier vorbei wollte. „Willst du das wirklich trinken?“ – eine Freundin, als ich mir ein alkoholfreies Bier bestellte (ja, ja, ich weiß, da ist dann trotzdem ein „Mü“ Umdrehung drin – das gilt übrigens auch für Apfelsaft). „Kaiserschnitt? Das sollten Sie sich wirklich noch einmal überlegen, Ihnen entgehen da die Freuden der natürlichen Geburt!“ – die Gynäkologin im Krankenhaus, als ich mich zur Entbindung anmeldete. Später habe ich übrigens per Zufall erfahren, dass eben jene Ärztin ihre zwei Kinder ebenfalls per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat. Tja, was sagt man dazu?

Nach Luzies Geburt ging und geht es fröhlich weiter: „Gekaufte Gläschen? Würde ich nicht füttern!“ – „Finden Sie nicht, Sie sollten dem Kind ein warmes Mützchen aufsetzen?“ (Nein, das finde ich bei dreißig Grad im Schatten durchaus nicht) – „Du machst mit einem drei Monate alten Säugling einen Langstreckenflug nach Australien? Bist du wahnsinnig?“ (Ja, mache ich. Denn jetzt bin ich in Elternzeit und habe die Möglichkeit dazu, das Baby schläft im Flugzeug-Bassinet und Australien gilt nun nicht gerade als Krisengebiet) – „Dein Kindersitz ist nicht von ‚Römer’???“ – „Dentinox bei Zahnschmerzen? Ich würde lieber Osanit-Kügelchen geben!“ – „Osanit-Kügelchen bei Zahnschmerzen? Ich würde lieber Dentinox nehmen!“ – „Zahnschmerzen? Da hilft sowieso nichts.“ – „Lass sie ruhig mal schreien.“ – „Bloß nicht schreien lassen!“ – „Unser Sohn schreit ja nie. Und willst du wissen, warum …?“




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Wie geheime Bundestrainer bei der WM

Raaaaaah! Mit Kindern ist es ein bisschen wie beim Fußball: Jeder meint, er kennt sich am besten aus. Und genauso, wie es jetzt gerade während der WM vor jeder Kneipe mit Live-Übertragung mindestens fünf geheime Bundestrainer gibt, die das Spiel auf dem Platz kommentieren und dabei alles besser wissen, trifft man als Elternteil ständig auf wohlmeinende Menschen, die einem ungefragt ihre ultimativen Erziehungstipps aufnötigen.

Wie geht man aber mit diesen nervigen Zeitgenossen um? Nimmt man ihre Ratschläge einfach an, damit man seine Ruhe hat? Lässt man sich auf Diskussionen ein und riskiert, darüber kostbare Lebenszeit zu verlieren? Zeigt man mit einem „Halt die Klappe!“ sofort die rote Karte? Nun, ich habe da leider auch kein Patentrezept. Außer meins, das bisher immer hervorragend funktioniert: links rein, rechts raus. Und ansonsten – freundlich lächeln!

Übrigens: Vorsichtshalber haben wir Luzie noch einen zweiten Vornamen spendiert. Johanna. Für den Fall, dass sie später mal Geschäftsführerin eines DAX-Konzerns werden möchte. Das wäre mit dem Namen einer Tingel-Tangel-Tänzerin natürlich nicht möglich.

P.S.: Die Tochter meiner Blog-Kollegin Nicole Stroschein heißt auch Luzie, und ist dazu auch noch schauspielerisch und gesanglich sehr begabt. Vielleicht treten die beiden ja später mal zusammen in einer Varieté-Show auf!

Und wie macht Ihr das mit ungefragten Ratschlägen? Wir freuen uns auf Eure Kommentare!

Foto: Tyler Olson / shutterstock.com

15 Kommentare

  1. Mich hat es immer sehr aufgeregt von Leuten Ratschläge zu bekommen, die selber keine Kinder hatten. Die meinten alles besser zu wissen.

    • Hi Petra,
      ich denke nicht, dass es um die Frage „Kinder oder keine Kinder geht“ – auch Mütter geben ja nicht automatisch immer gute Ratschläge.
      Es geht doch eher darum, dass man sich nicht ungefragt in das Leben von jemand anderem einmischt, oder?

      Lieben Gruß
      Heike

  2. Ich bin ja Stiefmutter. Da bekommt man selten gute Ratschläge, eher die Besserwisserkommentare. Nach dem Motto: „Aber Du hast doch gewusst, dass er Kinder hat“ – egal, um welches Problem es geht. Klar wusste ich das, aber was das in allen Facetten bedeutet, ahnt keine Stiefmutter im voraus.

    Sagt eigentlich jemand zu Müttern, die über ein Problem mit ihrem Kind sprechen: „Aber Du wolltest das Kind doch“? Oder: „Du hättest doch die Pille nehmen können“?

    Ernstgemeinte Frage übrigens.

    Schöner Blog!

    Liebe Grüße,
    Susanne

  3. Ein fantastischer Artikel. Ich musste mehrfach lachen, weil mich das an die Zeit vor und nach der Geburt meines 1. Kindes erinnert hat. Ich habe mich auch über die vielen (gut gemeinten) Tipps geärgert, die teilweise gar nicht gepasst haben, ich hätte lieber Tipps gehabt, die mir z. B. Fehlanschaffungen erspart hätten. Generell finde ich, dass man viele Ratschläge auf die eigene Person und Situation anpassen muss. Mein Mann meinte damals, dann schreib‘ doch ein Buch, was ich dann auch gemacht habe. Den Namen unserer Kinder haben wir übrigens erst nach der Geburt verraten, weil wir Diskussionen vermeiden wollten.

  4. Nicht zu vergessen:

    Das herrliche Wutgefühl, das in einem hochkocht, wenn man nicht mal mehr direkt „beraten“ wird. Zum Beispiel der Typ, dessen Kinder gänzlich von seiner Ex erzogen wurden, der sich über den Kinderwagen beugt und zum Säugling sagt: „Gleich schiebt die Mama dich mal in den Nebenraum und lässt dich ’ne Stunde schreien,…“

    Schön, dass das Thema mal in den Fokus gerückt wird. Super geschrieben!

  5. Anna Laudage sagt

    Super! Das ging runter wie Öl, ich sitze hier und lese und nicke in einer Tour zustimmend.
    Mit Omas und Opas ist es manchmal wirklich nicht einfach, doch eine kleine Meditation während des Vortrags WIE man wirklich NICHT mit seinem Kind umgehen sollte hilft wahre Wunder.
    Zum Glück hält sich (bei mir zumindest) der Freundeskreis raus.
    Die schlimmsten Ratschläge und vorwurfsvolle Diskussionen über eben diese Gläschen, Abstillen und worüber man sich noch nie einig wird hatte ich in Müttergruppen… Da hab ich mich aber zimlich schnell wieder ferngehalten.
    Es gibt aber dennoch Ratschläge von Fremden, die super sind: so bekam meine 3jährige (mitten in der Pubertät steckende) Tochter mitten auf dem Marktplatz einen Tobsuchtsanfall. Weder gutes Zureden noch umdrehen und weggehen half. Sie stand wie der Fels in der Brandung da und brüllte was das Zeug hielt.
    Die Leute schauten und gaben Kommentare ab und ja, mir war die Situation arg peinlich.
    „Holen Sie sich n Kaffee und was zu lesen!“, meinte da eine ältere Dame zu mir, „die Kleine hat ne gute Ausdauer, das wird hier noch ne Weile dauern!“
    Ich war so verblüfft, ABER es hat funktioniert. Nach sage und schreibe 45 min kam mein Kind auf mich zu und wollte nach Hause.
    Manchmal gibt es also auch gutgemeinte gute Ratschläge, die man in seine Erziehungsentwicklung mit einbeziehen kann…

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