(Vor-)Schulkind
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Plötzlich Lehrer! Ein Interview

Lehrer-Interview

Vor kurzem kam ich zum ersten Mal in 14 Jahren Selbständigkeit in den Genuss, eine Praktikantin in meinem kleinen Text- und Blogunternehmen begrüßen zu dürfen. Mia (13) begleitete mich zwei Wochen durch meinen Arbeitsalltag und durfte natürlich auch selbst mit anpacken, bzw. texten.

Als ihr Lehrer uns besuchte, um sich persönlich einen Eindruck von den Gegebenheiten zu verschaffen, nutzten wir die gute Gelegenheit, ihn um ein Interview zu bitten. Alexander Brede ist 31 Jahre jung, unterrichtet Geschichte und WiPo (Wirtschaft und Politik) an Mias Gymnasium und kam auf ungewöhnlichem Wege zu diesem Job.

Doch lest einfach selbst. Das Interview führten Mia und ich gemeinsam.

Sie sind Lehrer an einem Gymnasium. Was mögen Sie an Ihrem Beruf?

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Ich mag die Abwechslung. Es gibt jeden Tag andere Themen und mir begegnen jeden Tag andere Schüler. So bleibt es immer spannend und wird nie langweilig.

Gibt es auch Dinge, die Sie überhaupt nicht mögen?

Die Lehrerkonferenzen. Und die vielen Vorschriften, die regeln, wie ich welchen Schüler zu behandeln habe und was dabei zu beachten ist, das finde ich sehr anstrengend. Wenn ein Schüler zum Beispiel schlechte Noten hat, sind die Vorschriften nicht immer optimal, um das Problem zu lösen.

Was heißt das genau?

Ein konkretes Beispiel: Wenn ich einem Schüler eine schlechtere Quartalsnote als 4 gebe, muss ich einen riesigen Haufen Papierkram ausfüllen – den sogenannten Förderplan. Das Problem bei diesem Förderplan ist nur, dass er oft das eigentliche Problem nicht löst.

Wenn der Schüler keine Hausaufgaben macht, notiere ich im Förderplan: „Der Schüler macht keine Hausaufgaben.“ Danach kommt der Lösungsansatz, der lautet: „Schüler macht wieder regelmäßig Hausaufgaben.“ Das wird so eingetragen, dann unterschreiben das alle Beteiligten und die Sache ist offiziell erledigt …

Nicht unbedingt zielführend, aber so ist es vorgesehen.

Ist es in so einem Fall nicht möglich, selbst einen Lösungsansatz einzubringen, der das Problem eher löst?

Grundsätzlich ist auch das möglich, aber der Förderplan ist zunächst die Verfahrensweise, die vorgesehen ist. Ich bin nicht mal fest angestellt an der Schule, sondern immer nur vorübergehend beschäftigt. Mein Einfluss ist also begrenzt. Teilweise ist es einfach sehr kompliziert mit tausend Durchschlägen und viel Bürokratie.

Wenn ein Schüler also keine Hausaufgaben macht, wäre ja der Lösungsansatz, den Grund dafür zu finden. Dafür reichen ihre Möglichkeiten wohl nicht immer?

Genau. Dieser Förderplan ergibt zum Beispiel Sinn, wenn ein Schüler in Mathe einfach nicht hinterherkommt. Da kann die Lehrkraft dann zusätzliche Aufgaben, mehr Zeit oder auch Nachhilfe als Lösung vorschlagen, weil so das Problem gelöst werden kann und der Schüler den Stoff aufholt.

Aber wenn der Schüler einfach nichts tut, oder gar nicht mehr zum Unterricht erscheint, wie es auch schon vorgekommen ist, dann sind einem als Lehrer die Hände gebunden.

Wären da nicht Elterngespräche der beste Weg?

Die laufen parallel dazu ab, aber teilweise kommt man der Lösung damit auch nicht näher. Manchmal ist das traurig.

Also was Sie eigentlich bemängeln, ist der bürokratische Vorgang?

Es gibt einen Vorgang, der in keiner Weise angepasst werden kann und deshalb für manche Probleme einfach keine Lösung ist. Das ist, was mich stört.

Gibt es auch Tage, an denen Sie überhaupt keine Lust haben, zur Schule zu kommen?

Ja. Eigentlich immer dann, wenn mein Sohn die halbe Nacht durchgeschrien hat und dann, fünf Minuten nachdem er eingeschlafen ist, der Wecker klingelt. Das ist genau der Moment, in dem ich denke: „Ich hab so keine Lust auf Schule.”

Wie alt ist denn Ihr Sohn?

Zehn Monate.

Dann wissen die Schüler jetzt, woran es liegen kann, wenn Sie vom Stuhl fallen.

Haha, ja genau. Besonders schlimm ist es bei Gruppenarbeit, weil ich nichts zu tun habe. Da sitze ich dann im Unterricht, dämmere kurz weg und muss mich dann ganz schnell umsehen, ob ein Schüler etwas gemerkt hat. Das ist manchmal sehr ermüdend. (lacht)

Wie motivieren Sie sich an Tagen wie diesen?

Oft kommt die Motivation erst dann, wenn ich den Raum betrete. Mir bringt der Unterricht meistens Spaß, und ich habe das Gefühl, dass die Schüler ihn auch ganz witzig finden. Das motiviert dann auch, weiterzumachen.

Wie sind Sie darauf gekommen, Lehrer zu werden?

Ich bin eigentlich gar kein Lehrer, sondern Historiker. Aktuell herrscht aber Lehrermangel und so suchte das Gymnasium dringend Menschen, die Geschichte und WiPo unterrichten können.

Da ich die Direktorin unseres Gymnasiums bereits kannte, kam ich ins Gespräch für diese Aufgabe. Und wurde auf diesem Wege ein paar Tage ein paar Tage vor Schuljahresbeginn spontan Lehrer.

Teilweise merkt man das vielleicht auch, wenn ich mal nicht ganz so pädagogisch bin. Ich unterrichte sicher etwas mehr im Uni-Stil als klassischen Schulunterricht zu gestalten.

Wie hatten Sie sich ursprünglich den Beruf des Historikers vorgestellt?

Ich bin noch gar nicht ganz fertig. Als Historiker promoviere ich noch, dann möchte ich in ein Museum oder Archiv, so in die Richtung.

Da haben Sie dann Ihre Ruhe?

Als ich angefangen habe zu studieren, wollte ich auf keinen Fall ein Lehramt. Ich hatte einfach keine Lust auf Menschen. Das hat sich nun anders entwickelt, ich bin aber ganz glücklich damit!

Aus Versehen Lehrer …

Wir waren im Urlaub und bekamen einen Anruf von der Schulleiterin, sie bräuchte dringend am Montag Lehrer. Einen Tag später unterschrieb ich den Vertrag, bekam den Lehrplan und dann hieß es: „Bereite dich mal vor.“

Brauchten Sie keine pädagogische Zusatzausbildung, einen Lehrer-Crashkurs sozusagen?

Grundsätzlich ist lediglich ein Hochschulabschluss in dem Fach nötig, das ein Seiteneinsteiger wie ich unterrichten soll. Hier also Geschichte und Politikwissenschaften. Außerdem muss jeder künftige Lehrer ein Führungszeugnis vorlegen, damit die Schule nicht aus Versehen einen Schwerverbrecher einstellt.

Ein pädagogisches Training ist nicht Vorschrift, dafür werden Quereinsteiger wie ich aber auch nicht ganz in den Schuldienst übernommen. Ich bekomme jeweils einen Halbjahresvertrag, der bei Bedarf erneuert wird oder eben nicht.

Wie frei sind Sie in der Gestaltung Ihres Unterrichts?

Ziemlich frei, ich bekam Lehrbuch und Lehrplan ausgehändigt und der Rest kam von mir. Referendare dagegen werden viel mehr kontrolliert und bewertet, bevor sie allein unterrichten dürfen. Für uns Quereinsteiger gibt es keine Kontrolle, wie wir unseren Unterricht gestalten.

Der Unterschied zwischen Seiteneinsteigern wie uns und den „richtigen“, fest angestellten Lehrern, beziehungsweise den Referendaren, die auf Lehramt studiert haben, ist also groß. Da sind wir gefühlt eher externe Mitarbeiter. Wir unterrichten und gehen dann auch wieder. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es mir noch mehr Spaß bereitet als anderen Lehrern.

Könnte der vermehrte Einsatz von Seiteneinsteigern sich negativ auf die Bildung der Schüler auswirken?

Ich meine, dass manche Quereinsteiger die „echten“ Lehrer sogar an Fachkompetenz übertreffen. Wenn man das Studium eines angehenden Historikers mit dem eines angehenden Geschichtslehrers vergleicht, lernt der Lehrer nur etwa die Hälfte.

Das muss ein gutes Gefühl sein. Wie lange arbeiten Sie jetzt schon als Lehrer?

Fast zwei Jahre. Und es gefällt mir wirklich richtig gut. Wären die Hürden nicht so hoch, richtig in den Lehrerberuf einzusteigen, würde ich darüber nachdenken.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie am Schulsystem ändern?

Ich würde mir kleinere Klassen und bessere Ausstattung wünschen.

Wie groß sind denn die Klassen?

Von 25 bis 31 Schülern kann man schon ausgehen, und wenn die dann sehr lebendig sind, stoßen die Lehrer schon mal an ihre Grenzen. Ich denke, die optimale Klassengröße liegt bei 15 bis 16 Schülern.

Mit Ausstattung meinen Sie mehr Lehrer oder eher Materielles?

Sowohl als auch. Mehr Lehrer wäre schön, und materiell würde ich ein festes Budget der Schule für Exkursionen begrüßen. Ich bin ein großer Fan von Exkursionen, da ich es immer besser finde, wenn die Schüler etwas mit eigenen Augen sehen können.

Ich würde zum Beispiel gerne mit den 9. Klassen nach Berlin fahren. Es ist ein großer Unterschied, ob ich drei Wochen vorne stehe und vom Bundestag erzähle, oder die Schüler einmal selbst vor Ort sind und sehen, wie er funktioniert.

Auch für den Geschichtsunterricht wäre eine Exkursion nach Berlin gut, gerade weil viele historisch wichtige Dinge dort geschehen sind und die Schüler sich viele Schauplätze ansehen können. Auch für andere Fächer wären solche Exkursionen sicher förderlich.

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